Graculus Industries
Beitrag6 Min. Lesezeit

Warum ein einzelner Nachfolger selten genügt

Die Abhängigkeit vom Gründer ist oft Ausdruck seiner besonderen Fähigkeiten. Die Herausforderung bei der Nachfolge besteht nicht einfach darin, einen anderen fähigen Menschen zu finden. Es geht darum, ein Unternehmen aufzubauen, das mehr von dem tragen kann, was der Gründer bisher allein getragen hat.

Gerhard Botha, Mitgründer, Kapital, Finanzen & Governance, Graculus Industries

Wer durch ein erfolgreiches Industrieunternehmen im Alpenraum geht, erkennt den Einfluss des Gründers vielleicht nicht sofort. Es gibt womöglich ein erfahrenes Führungsteam, kompetente Ingenieure, langjährige Kundenbeziehungen und Abläufe, die über viele Jahre verfeinert wurden. Der Betrieb ist profitabel, technisch versiert und in seinem Markt angesehen. Auf dem Papier scheint er von keiner einzelnen Person abzuhängen.

Dann geschieht etwas Ungewöhnliches. Ein wichtiger Kunde äußert Bedenken. Ein Lieferant verpasst einen entscheidenden Termin. Ein leitender Mitarbeiter erwägt zu kündigen. Für eine neue Maschine oder Produktlinie steht eine Investitionsentscheidung an. In jedem dieser Fälle wendet sich die Organisation, offiziell oder auf kurzem Weg, an den Gründer.

Nach dreißig oder vierzig Jahren weiß der Gründer, welcher Kunde sich wirklich Sorgen macht und welcher verhandelt. Er weiß, welcher technische Kompromiss vertretbar ist, welcher Mitarbeiter mehr Verantwortung übernehmen kann und welcher Lieferant wahrscheinlich eine Lösung findet, wenn etwas schiefgeht. Er erinnert sich an die Investitionen, die funktioniert haben, an jene, die sich nicht bewährt haben, und an die Entscheidungen, die den Ruf des Unternehmens geprägt haben.

Vieles davon wurde nie aufgeschrieben, weil es dafür kaum einen Anlass gab. Der Gründer war ja da.

Das Unternehmen beschäftigt vielleicht hundert Menschen. Ein Teil dessen, was es am Laufen hält, steckt trotzdem im Kopf eines Einzelnen.

Warum die Abhängigkeit vom Gründer entsteht

Die Abhängigkeit vom Gründer wird oft als Schwäche beschrieben, und irgendwann kann sie dazu werden. Wenn Entscheidungen, Beziehungen und technisches Wissen bei einer einzigen Person zusammenlaufen, entstehen klare Risiken. Diese Beschreibung erklärt allerdings nicht, wie es überhaupt dazu gekommen ist.

Der Gründer wurde zur zentralen Figur, weil sich sein Urteilsvermögen bewährt hatte. Kunden lernten, ihm zu vertrauen. Mitarbeiter wussten, wo schwierige Entscheidungen letztlich getroffen wurden. Lieferanten wussten, wer für eine Zusage einstand. Mit der Zeit entwickelte der Gründer einen Überblick über das gesamte Unternehmen, den nur wenige andere hatten.

In vielen Unternehmen war diese Bündelung von Entscheidungsbefugnissen kein Konstruktionsfehler. Sie half dem Betrieb, schnell zu handeln, Standards zu halten und schwierige Entscheidungen ohne übermäßige Bürokratie zu treffen. Ein zentralisiertes Modell kann ausgezeichnet funktionieren, wenn eine außergewöhnlich fähige Person im Mittelpunkt steht.

Die Schwierigkeit entsteht später. Die Struktur, die das Unternehmen in seinen ersten dreißig Jahren vorangebracht hat, ist nicht unbedingt die beste für die nächsten dreißig. Was einmal Schnelligkeit und Klarheit ermöglichte, kann nach und nach zur Abhängigkeit werden.

Ein Teil des Problems liegt darin, dass ein Gründer selten nur eine Funktion ausübt. Ihm gehört womöglich das Unternehmen, er führt es, betreut einige der wichtigsten Kunden und bleibt zugleich der Ansprechpartner für Investitions- und Technikfragen. Diese Aufgaben wurden nie als formale Stellenbeschreibung entworfen. Sie kamen hinzu, während der Gründer auf Kunden einging, Probleme löste und das Unternehmen aufbaute.

Deshalb kann die Suche nach einem einzigen Ersatz in die Irre führen. Eine Person mag den Titel übernehmen. Damit übernimmt sie aber nicht automatisch und sofort alles, wofür der Gründer im Laufe der Jahre stand.

Nachfolge ist mehr als ein Eigentümerwechsel

Das rechtliche Eigentum kann mit der Unterzeichnung der Verträge übergehen. Für vieles andere gilt das nicht.

Es kann dauern, bis Entscheidungswege in einer neuen Führungsstruktur gefestigt sind. Technisches Urteilsvermögen und die Hintergründe früherer Entscheidungen müssen erst erlernt werden. Kunden, Lieferanten und Mitarbeiter, die persönlich mit dem Gründer zu tun hatten, müssen Vertrauen zu anderen Menschen aufbauen. Als neue Führung auch innerhalb der gewachsenen Unternehmenskultur anerkannt zu werden, dauert meist noch länger.

Diese Entwicklungen überschneiden sich, verlaufen aber nicht im Gleichschritt. Ein Gründer kann seine Anteile verkaufen und trotzdem derjenige bleiben, den der größte Kunde anruft. Ein neuer Geschäftsführer kann formal entscheidungsbefugt sein und zugleich noch lernen, warum bestimmte betriebliche Vorgehensweisen bestehen. Mitarbeiter können das neue Organigramm verstehen und sich in schwierigen Situationen trotzdem instinktiv an den Gründer wenden.

Das ist normal. Der Fehler liegt darin, mit der rechtlichen Übertragung auch die Nachfolge für abgeschlossen zu halten.

Ein Teil des Gründerwissens lässt sich dokumentieren. Verträge, Kundenhistorien, technische Spezifikationen und Finanzinformationen lassen sich systematisch erfassen. Das schwerer übertragbare Wissen ist weniger geordnet.

Es ist das Urteilsvermögen, das durch wiederholte Erfahrung entsteht. Der Grund, warum ein Kunde anders behandelt wird als ein anderer. Oder die Geschichte hinter einem Produkt, das vor Jahren aufgegeben wurde. Manchmal bleibt eine alte Vorgehensweise bestehen, weil niemand dazu kam, sie zu ändern. Manchmal gibt es einen sehr guten Grund. Den Unterschied zu kennen, ist entscheidend.

Die Forschung zur Nachfolge in Familienunternehmen beschäftigt sich schon länger damit. Eine Studie von UBS und dem Center for Family Business der Universität St. Gallen aus dem Jahr 2026 ergab: 60 % der befragten Schweizer KMU-Eigentümer, die eine Nachfolge abgeschlossen hatten, hielten die Wissensweitergabe durch ihren Vorgänger für entscheidend für den Erfolg des Übergangs. Bei Management-Buy-outs lag der Anteil bei 73 %.[1]

Die Wissensweitergabe ist keine Aufgabe für die Zeit nach der Transaktion. Sie gehört zur Nachfolge selbst.

Warum ein Team den Übergang stärken kann

Auf einen einzelnen Nachfolger kommt viel zu. Er muss Kunden verstehen, das Vertrauen der Mitarbeiter gewinnen, den betrieblichen Alltag kennenlernen, das bestehende Führungsteam einschätzen und erste Entscheidungen über die Zukunft treffen. Gleichzeitig muss das Unternehmen weiterlaufen.

Diese Anforderungen kommen meist gleichzeitig.

In einem Team kann eine Person mehr Zeit mit Kunden verbringen, während eine andere die Organisation und ihre Mitarbeiter näher kennenlernt. Kapitaleinsatz, Governance und Eigentümerwechsel konkurrieren dann nicht um die Aufmerksamkeit derselben Person.

Das beschleunigt die Nachfolge nicht zwangsläufig. Geschwindigkeit sollte auch nicht das Ziel sein. Was sich verändert, ist die wirksame Nutzung der verfügbaren Zeit. Mehr Beziehungen können übergeben, mehr Wissen kann aufgenommen und mehr Bereichen des Unternehmens die nötige Aufmerksamkeit gewidmet werden, ohne von einem Einzelnen zu erwarten, alles nacheinander zu beherrschen.

Dabei gibt es eine wichtige Einschränkung: Mehr Menschen sind nicht automatisch besser.

Ein schlecht abgestimmtes Team kann schlechter sein als ein einzelner fähiger Nachfolger. Es kann Machtspiele, widersprüchliche Botschaften und langsamere Entscheidungen mit sich bringen. Mitarbeiter und Kunden sollten nicht selbst herausfinden müssen, wer aus dem neuen Team für das Unternehmen spricht. Ebenso wenig sollte ein Betrieb einen Gründer, der persönlich Verantwortung trägt, gegen ein Gremium eintauschen, in dem niemand klar zuständig ist.

Ein Team schafft nur dann Mehrwert, wenn sich seine Verantwortungsbereiche tatsächlich ergänzen und die Verantwortung eindeutig zugeordnet ist. Die Studie der Universität St. Gallen unterstreicht das: 93 % der befragten Eigentümer nannten klare Rollen und Verantwortlichkeiten als wichtigen Erfolgsfaktor, 85 % eine regelmäßige Kommunikation.[1]

Bewahren, was zählt. Verändern, was nötig ist.

Über Nachfolge wird manchmal gesprochen, als ginge es darum, das Unternehmen genau so zu erhalten, wie es ist. Das ist weder realistisch noch entspricht es der Art, wie die meisten Gründer ihre Unternehmen aufgebaut haben.

Gründer verändern ständig etwas. Sie erschließen Märkte, stellen Produkte ein, wechseln Lieferanten, stellen Mitarbeiter ein, kaufen Anlagen und überprüfen ihre Annahmen, wenn sich die Bedingungen ändern. Dreißig Jahre Erfahrung enthalten deshalb sowohl gewachsene Einsicht als auch gewachsene Gewohnheit. Beides lässt sich nicht immer leicht unterscheiden.

Ein Markt, der vor zehn Jahren unattraktiv wirkte, kann heute zugänglich sein. Ein Produkt, das einst als zu riskant galt, kann inzwischen technisch machbar sein. Eine informelle Vorgehensweise, die mit zwanzig Mitarbeitern funktionierte, kann bei hundert Mitarbeitern zum Hindernis werden.

Ein guter Übergang klärt, was fortgeführt und was neu durchdacht werden sollte.

Dasselbe gilt für die Unternehmenskultur. Sie lebt nicht in einem Leitbild. Sie zeigt sich darin, wie Entscheidungen getroffen, Kunden behandelt und Standards gelebt werden – und welches Verhalten geduldet wird.

Erfahrung von außen kann dabei helfen, aber nur, wenn sie mit Bedacht eingebracht wird. Wer in unterschiedlichen Märkten gearbeitet hat, kennt möglicherweise andere Wege zum Wachstum, andere Führungs- und Kontrollstrukturen oder andere Investitionsansätze. Dieser Blick kann wertvoll sein. Weniger hilfreich wird er, wenn daraus ein festes Rezept wird.

Führungskräfte kommen mit der Erfahrung, dass etwas anderswo funktioniert hat, und nehmen an, es sollte hier genauso gemacht werden. Lokale Kundenbeziehungen, technische Traditionen oder scheinbar eigenwillige Vorgehensweisen gelten dann als Probleme, die zu beheben sind, statt als Zusammenhänge, die man zunächst verstehen sollte.

An diesem Punkt werden übernommene Erfolgsrezepte oft teuer.

Ein Industrieunternehmen im Alpenraum sollte in seinen Menschen, Kunden und seinem industriellen Umfeld verwurzelt bleiben. Die Aufgabe eines neuen Teams ist es, den Blick des Unternehmens zu weiten, nicht das zu beseitigen, was es unverwechselbar gemacht hat.

Der eigentliche Nachfolger ist die Organisation

Ein Unternehmen auf die Zeit nach seinem Gründer vorzubereiten, heißt nicht, ihn zum Gehen zu drängen. Im Gegenteil: Es eröffnet ihm mehr Möglichkeiten.

Ein Unternehmen mit einer breiter aufgestellten Führung, weiter verteilten Beziehungen und weniger Abhängigkeit von einer einzelnen Person gibt dem Gründer die Freiheit zu entscheiden, wo er sich weiterhin einbringen möchte. Er kann wichtige Kunden begleiten, an technischen Entwicklungen mitwirken, den Vorsitz eines Unternehmensgremiums oder eine beratende Rolle übernehmen – oder sich vollständig zurückziehen.

Sein Engagement wird zur freien Entscheidung, statt Voraussetzung dafür zu sein, dass das Unternehmen funktioniert.

Das Ziel ist nicht, dass der Gründer geht. Es ist, dass er nicht bleiben muss.

Dieser Unterschied ist für den Gründer wichtig, aber auch für alle in seinem Umfeld. Mitarbeiter wissen, wer entscheiden darf. Kunden wissen, wen sie anrufen können. Der neue Eigentümer kann lernen, ohne Wissen vorgeben zu müssen, das er sich erst noch erarbeiten muss.

Ein außergewöhnlicher Gründer lernt womöglich über Jahrzehnte, nahezu jede wichtige Verantwortung im Unternehmen selbst zu tragen. Es wäre ein seltsamer Maßstab für eine gelungene Nachfolge, jemanden zu finden, der bereit und in der Lage ist, genau dasselbe zu tun.

Wer einen unersetzlichen Menschen durch einen anderen ersetzt, lässt die Abhängigkeit lediglich von vorn beginnen.

Das bessere Ergebnis ist ein Unternehmen, in dem mehr Wissen geteilt wird, wichtige Beziehungen über eine einzelne Person hinausreichen und Zuständigkeiten so klar sind, dass jeder weiß, wo Entscheidungen hingehören.

Ein Einzelner kann Geschäftsführer werden. Ein Team mit sich ergänzenden Fähigkeiten kann den Übergang begleiten. Das Eigentum kann wechseln.

Doch am Ende sollte die Organisation selbst der eigentliche Nachfolger sein.

Dieser Gedanke steht bei Graculus im Mittelpunkt unseres Verständnisses von Nachfolge. Wir erwarten nicht, dass ein einzelner Mensch alles nachbildet, was ein außergewöhnlicher Gründer geleistet hat. Wir bringen unterschiedliche Fähigkeiten in einem ersten Unternehmen zusammen: zunächst, um zu verstehen, was es erfolgreich gemacht hat, und anschließend, um die Organisation dabei zu unterstützen, unabhängiger von einzelnen Personen zu werden.

Gerhard Botha
Über den Autor

Gerhard Botha

Mitgründer · Kapital · Finanzen & Governance · Graculus Industries
HEC Paris • Chartered Accountant • CFA Charterholder

Gerhard verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung in der Wirtschaftsberatung, im Investmentbanking, im Bereich Private Capital, in der Restrukturierung und im Unternehmensaufbau. Nach vier Jahren bei PwC arbeitete er zwölf Jahre bei Rand Merchant Bank, wo er Gründer, Investmentgesellschaften und Private-Equity-Firmen bei Übernahmen, Kapitalbeschaffung, Restrukturierungen und Verkäufen beriet. Er baute den Bereich Private Capital Advisory von RMB auf und war an abgeschlossenen Transaktionen mit einem Gesamtvolumen von mehr als 8 Mrd. US$ in Europa, dem Nahen Osten, Afrika und Asien beteiligt. Gerhard hat außerdem Technologieunternehmen mitgegründet, darunter eines, das später von einem börsennotierten US-Unternehmen übernommen wurde.

Quellen

  1. UBS und Center for Family Business, Universität St. Gallen, Die Unternehmensnachfolge als Prozess verstehen, 2026.

Passender Beitrag

Wenn der Standort zum industriellen Wettbewerbsvorteil wird